Vor 2,5 Jahren habe ich bereits einmal über die „Hassgesellschaft“ geschrieben, wie sie sich immer stärker in den Internetforen manifestiert (hier).

Sibylle Berg hatte am 1.11.2011 das Thema ebenfalls in Spiegel Online unter dem Titel „Man fängt an, die Menschen zu verachten“ aufgegriffen und die massenhaften anonymen „Pöbeleien“ und „Hasskommentatoren“ verurteilt. Bezeichnend für den Vorgang ist, wieviel Hass, Häme und Schmutz sich in der Diskussion im Forum darunter findet, und ich nehme einmal an, dass die Redaktion sowieso die übelsten Beitrage gar nicht erst akzeptiert hat.

Sibylle Berg erweckt in ihrem beachtenswerten Kommentar den Eindruck, als würde sich dieser Hass nur gegen Minderheiten und Andersartige wenden. Das gibt es natürlich auch und ist zu verurteilen, auch wenn heute jeder ungewollt schnell zum Mitglied einer neudefinierten Minderheit werden kann. Aber ein Spaziergang durch das Web, Internetforen und Blogkommentare eines einzigen Tages zeigt etwas Anderes. Es trifft die Volksparteien ebenso wie die Kirchen, die Arbeiter ebenso wie die Arbeitgeber, ja es scheint gar nicht mehr darum zu gehen, wer oder was der andere ist, sondern nur darum, ihn als dumm, überflüssig, mitleiderregend oder hasswürdig hinzustellen.

Wenn ich mich freundlich auf Webforen oder Blogkommentaren melde, die beruflich mit meinen Büchern zu tun haben, also etwa auf Freierseiten („Menschenhandel“), rassistischen Seiten („Rassismus“), muslimische Seiten („Feindbild Islam“), atheistische Seiten, LHBT-Seiten, Ökoseiten, schallt mir oft schon Hass von Forenteilnehmern entgegen, bevor ich überhaupt eine Position vertreten habe. Die Vorwürfe hageln nur so. Irgendetwas aus meiner Biografie, mein Auch-Theologesein, mein Verheiratetsein, mein Männlich-Sein, meine akademischen Titel, meine Mitgliedschaft hier und dort – irgendetwas findet sich immer, aus dem abzuleiten ist, warum ich in dieser Welt nichts verloren habe. Wenn ich dann weiterlese, „tröstet“ mich immerhin, dass die Forenteilnehmer und Kommentardiskutanten oft untereinander auch mit einem Ton umgehen, an dem gemessen Pöbeleien auf der Straße harmlos erscheinen. Oft machen sich hier Minderheiten gegenseitig den Garaus. Dass darf nicht übersehen lassen, dass es Minderheiten oft besonders trifft. Aber dass der Internethass nur von solchen ausginge, die traditionell bestimmte Minderheiten hassen, ist leider nicht wahr. Millionen lassen hier ihrer Wut auf alles und jedes ihren Lauf. Man kann das gesetzlich nicht verbieten und unterdrücken, aber entsetzt sein darüber darf man sehr wohl.

 

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