Hermeneutisch und dogmatisch geht es aus meiner Erfahrung in der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) um zwei Kernfragen:

  1. Christologie und Soteriologie:
    Was heißt, „an Jesus glauben“? Genügt es, eine „Beziehung“ zu ihm zu haben, die wir definieren und die offen lässt, wer Jesus eigentlich ist? Oder gibt es einen Grundbestand an Dingen, die man Jesus verdanken muss? Gibt es einen Grundbestand an Lehrinhalten, die man für wahr halten muss, damit man überhaupt eine Beziehung zu dem richtigen Jesus hat und nicht nur zu etwas, das man ‚Jesus‘ nennt? (Beispiel: Eine C5-Gruppe kann eigentlich nicht für andere erkennbar Jesus anbeten, ohne aufzufallen.)
  2. Christologie/Soteriologie und Ekklesiologie
    Kann man an Jesus und sein Heil glauben, ohne dass sich der Leib Christi als Gemeinde – in welcher Form auch immer – materialisiert? Und wenn ja, was sind unverzichtbare Grundbedingungen und Kennzeichen einer solchen sichtbaren Gemeinde? (Beispiel: Kann eine C5-Gruppe das Abendmahl feiern, ohne zur C4-Gruppe zu werden, weil sie den muslimischen Nachbarn auffällt.) Dabei spielt auch eine Frage eine wesentliche Rolle, die immer wichtig ist, wo es starke Verfolgung gibt: Inwieweit kann man privat und ohne anderen aufzufallen Christ sein und inwieweit ist der gemeinschaftliche Aspekt des Glaubens und der Gemeinde Jesu unabdingbar?
  3. Schließlich stellt sich eine weitere Frage, die immer wieder aufkommt: Kann ”C5” auch eine Missionsstrategie im orthodoxen/arabischen Islam sein oder ist nicht aufgrund der Eigenart dieses Islam und muslimischer Gemeinschaften das Ziel, für die Umwelt weiter als Muslime zu gelten, mit missionarischen Zielsetzungen unvereinbar? Das heißt: Muss nicht im orthodox islamischen bzw. arabischen Umfeld scheitern, was etwa im Hinduismus durchaus denkbar ist, aber eben auch im Sufismus, im Volksislam, im indonesischen oder chinesischen Islam, bei bestimmten nicht orthodox-islamischen Völkern wie den Drusen, oder in Gebieten Afrikas mit zahlenmäßig starker Vermengung von Islam, Christentum und Animismus?

Wer versucht, Insiderbewegungen zu verstehen und einzuordnen, sollte sich von überschäumend positiven Kategorien (etwa: ‚Missionsstrategie der Zukunft‘, ‚wichtiger als die Reformation‘, ‚Beginn eines neuen Zeitalters der Kirchengeschichte‘) oder ebensolchen negativen Kategorien (etwa: ‚Zeichen der allerletzten Zeit‘, ‚Selbstaufgabe des Christentums‘, ‚neue Angriffsstrategie des Islam‘) fernhalten. Solche Urteile können bestenfalls am Ende eines langen Prozesses des Beobachtens stehen und greifen oft vorweg, was man eigentlich erste Jahrzehnte später im Rückblick sagen kann. Davon, dass es ‚die‘ Insiderbewegung sowieso nicht gibt, sondern eigentlich jedes Phänomen einzeln betrachtet werden müsste, und uns zudem noch gar nicht genügend Informationen und Erfahrungen vorliegen, einmal gar nicht zu sprechen.

In Beirut

In Beirut

Will man aber dennoch solche Kategorien verwenden, sollte man zunächst seine hermeneutischen, dogmatischen und sonstigen Vorentscheidungen offenlegen, andernfalls drohen fruchtlose Stellvertreterdiskussionen, weil die Meinungsverschiedenheiten nicht erst in der Bewertung der Insiderbewegungen liegen, sondern bereits davor.

Kategorisierungen wie die C1-C6-Einteilung, vom Erfinder selbst längst als wenig hilfreich widerrufen, sind tatsächlich wenig hilfreich. Bei beschriebenen Insiderbewegungen verteilen sich die Anhänger oder Flügel oft über mehrere Kategorien (etwa C3 bis C6). Die Bewegungen wandern auch mit der Zeit durch die Kategorien und neigen, wie alle jungen Bewegungen, zu einer allmählichen Institutionalisierung und Lehrbildung. Zudem sind die Definitionen so luftig, dass sie oft ganz unterschiedlich verstanden werden und Gesprächsteilnehmer fröhlich aneinander vorbei reden. Beschreibt man eine Bewegung und lässt dann unterschiedliche Fachleute eine Klassifizierung vornehmen, erhält man oft unterschiedliche Einstufungen.

Werden neue Ideen und Bewegungen vorab prophetisch zum Sieger und Modell der Zukunft erklärt, behindert sie das meist mehr, als es ihnen nützt. Man kann dann auch nicht mehr sagen, man wolle sie sich selbst entwickeln lassen.

Zudem kann man viele Missionsmethoden nicht „machen“. Es ist beispielsweise unbestritten, dass derzeit viele Muslime durch Träume zum Glauben kommen. Nur kann man das eben nicht als Missionsmethode propagieren (auch wenn das einige tun), sondern man kann es nur beobachten, davon lernen und sich freuen. Ähnlich besteht ein großer Unterschied, ob man das spontane Entstehen von Bewegungen in der islamischen Welt erfreut feststellt, oder ob man meint, sie erfassen, planen und herbeiführen zu können und dann diese – gewissermaßen ‚künstlich‘ als Kopie geplanten – Bewegungen dieselbe Wirkung haben müssten.

Hier diagnostiziere ich vor allem auch starke kulturelle Unterschiede zwischen der US-amerikanischen Art, neue Konzepte als völlig neu und sicher bald sehr erfolgreich zu vermarkten („how to make elephants bigger und better“) – die natürlich durch die starke Abhängigkeit mancher evangelikaler Gruppen von amerikanischen Vorbildern dann weltweit zu finden ist – und der Vorgehensweise anderer Kulturen mit ihren eigenen Stärken und Schwächen (wie etwa der deutschen, der arabischen oder der türkischen), die die Diskussion sehr erschweren. (Die Entwicklung in der Türkei ist hier das beste Beispiel.)

Wir müssten unser Symposium gar nicht abhalten, wenn die Thematik nicht vermarktet und zur dogmatischen Entscheidungsfrage gemacht würde. Wir dürfen aber neue Bewegungen nicht vor unseren Karren spannen und sie dabei so beschreiben, wie wir es gerne hätten oder wie es unseren Thesen nützt. Dort, wo ich selbst Gelegenheit hatte, Bewegungen kennenzulernen, die andere vorher dargestellt hatten, fand ich meist zumindest in Teilen etwas Anderes vor und die Darstellung erwies sich als tendenziös (wie sicher dann meine Erfahrung auch). Viele Darstellungen lassen mehr über den Autor erkennen als über seinen Gegenstand – ein in der Kulturforschung natürlich sattsam bekanntes Phänomen. Dort weiß man auch, dass man jedes Volk, das man erforscht und beschreibt, dadurch zugleich verändert.

Kryptochristen hat es immer schon in großer Zahl gegeben und wird es immer geben, vor allem unter Verfolgungsdruck. Dabei entwickeln sich verschiedene Strategien, um in einer dem christlichen Glauben feindlichen Umgebung zu überleben. Ob man das begrüßt oder nicht, es ist einfach erst einmal Fakt. Wie man diese Strategien dogmatisch oder ethisch beurteilt, steht auf einem ganz anderen Blatt und sollte vor allem von Christen, die selbst nicht verfolgt werden, sehr behutsam betrieben werden.

Für die Religionssoziologie ist es selbstverständlich, dass es zwischen den beiden größten Weltreligionen (Christentum und Islam) ein großes Grau- und Übergangsfeld mit allen möglichen Übergängen gibt. Auch hier ist zwischen der Erhebung dessen, was ist (und in irgendeiner Form immer sein wird), und der Propagierung oder Bekämpfung bestimmter Methoden deutlich zu unterscheiden.

Man muss „Synkretismus“ zwischen Christentum und Islam von anderen Arten des Synkretismus mit dem Christentum unterscheiden, da es einerseits im Islam keinen materialisierten Götzendienst gibt, andererseits die Abgrenzung des Islam nach außen viel schärfer als bei anderen Religionen ist, so dass ‚Kreuzungen‘ beider Religionen viel schneller auffallen als etwa Überschneidungen mit dem Hinduismus.

Die evangelikale Bewegung hat in ihrer Geschichte häufig faszinierende, merkwürdige, zu stark personenorientierte oder sektiererische Bewegungen auf Dauer integriert (oft nach dem Ausscheiden des Gründers) und in ihrem dogmatischen Kernbestand einem gemeinsamen Kernkonsens – etwa in der Soteriologie – zugeführt. Hier muss man zwischen der momentan vorzunehmenden dogmatischen Abgrenzung und der langfristigen missionarischen Gelassenheit einen ausgewogenen Weg finden.

Wir müssen alle Christen in der islamischen Welt ernst nehmen, von C1 bis C6, und nicht vorschnell ‚Gummipunkte‘ verteilen. In der Weltweiten Evangelischen Allianz haben alle ihren Platz. Wir können von Untergrundchristen im Iran ebenso lernen, wie von der koptisch-evangelischen Kirche in Ägypten. Entscheiden wir, welche der christlichen Richtungen in der islamischen Welt die guten sind? Und entscheiden wir das nur nach Erfolg? Und was ist „Erfolg“? Viele alteingesessene Kirchen in der islamischen Welt haben jahrhundertelang in der islamischen Welt überlebt. Ist das wirklich eine geringere ‚Leistung‘ als aktuelle Missionserfolge? Zudem erleben etliche von ihnen ebenso Aufbrüche, gewissermaßen Insiderbewegungen in den alten Kirchen.

Deswegen müssen gerade in der islamischen Welt neue Missionsmethoden nicht so propagiert werden, dass sie Christen, die über Jahrzehnte Mut bewiesen haben, vor den Kopf stoßen oder gar für das geringe Wachstum der Gemeinden verantwortlich machen. Kontextualisierung ist in der Mission eine Selbstverständlichkeit, sie kann aber immer viele verschiedene Formen annehmen und darf nicht dogmatisch verengt werden. Es gibt in keiner Kultur nur die eine, wahre Kontextualiiserung oder Inkulturation, sondern sie kann auf verschiedenen Wegen geschehen.

Die Missionsgeschichte ist vielfältiger als wir oft meinen. Man tue bitte nicht so, als ob frühere Generationen nur stur den einzelnen retten wollten und gegenüber Kontextualisierung immun waren. Mir fällt auf, dass an der Diskussion um die Insiderbewegungen kaum missionshistorisch versierte bzw. interessierte Personen beteiligt sind, die sich gut mit der Geschichte des Islam, der Kirchen in der islamischen Welt und der missionarischen Unternehmungen in der islamischen Welt auskennen. Es hat immer wieder Zeiten oder Gegenden gegeben, in denen in der islamischen Welt Aufbrüche, manchmal sogar große Aufbrüche zu verzeichnen waren. Daran waren Gemeinden/Bewegungen aller Kategorien von C1 bis C4 beteiligt. (Indonesien und Ägypten sind hier gute Beispiele).

Die Einigkeit der weltweiten Missionsbewegung und der Weltweiten Evangelischen Allianz ist ein hohes Gut. Die Evangelische Allianz wurde 1846 (ebenso wie später die Ökumenische Bewegung) gegründet, weil die Spaltung der Christenheit als eines der größten Hindernisse für Evangelisation und Weltmission gesehen wurde. Wer für Weltmission ist, sollte in Fragen der Missionsstrategie keine Debatten mit hohem Spaltungspotential lostreten oder bedienen, sondern bei aller Suche nach den besten Wegen deutlich machen, dass wir den Missionsauftrag alle gemeinsam haben und nur erfüllen können, wenn wir uns gemeinsam dem Herrn der Mission unterstellen.

Bei Fragen der Kontextualisierung muss zwischen Kontextualisierung als Missionsstrategie (die oft von außerhalb beginnt) und der langfristigen Kontextualisierung (die nur die einheimischen Christen selbst leisten können) unterschieden werden. Nicht jede Anpassung an den Zuhörer in der Anfangsphase muss dauerhaft auch für die entstandene Gemeinde gelten. Die Gemeinde aber braucht auf Dauer eine Kontextualisierung auch der Theologie und ihrer Sprache. So muss die Dreieinigkeitslehre auf Dauer direkt aus der Schrift in die Kultur formuliert und verkündigt werden, wenn sie denn wirklich auf die Schrift gründet, und kann nicht immer den Umweg über die Theologiegeschichte nehmen müssen, in der man nacheinander Griechisch, Latein, Deutsch und Englisch können muss. Diese Kontextualisierung der biblischen Theologie sollte in großer Gemeinsamkeit geschehen und nicht grüppchenweise und wir sollten zu einer solchen Einigkeit der Christen in der islamischen Welt beitragen und diese nicht durch Import westlicher Konzepte noch weiter aufspalten.

 

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