Christsein bedeutet, dass Gott uns Bund und Treue schwört

Das Alte Testament betont besonders die Selbstverpflichtung und Zusage Gottes im Bund. Es ist eine Besonderheit der biblischen Offenbarung in Christentums und Judentum, dass Gott einerseits absolut souverän ist, andererseits sich im Rahmen eines Bundes an die Menschen bindet und dabei sich selbst Verpflichtungen auferlegt, an denen er sich messen lässt. Andere Religionen kennen absolut souveräne Götter oder aber Götter, die beurteilt oder gar besiegt werden können, doch nur die Bibel kennt den Schöpfergott, der völlig frei und allmächtig ist und tun und lassen kann, was er beschließt, und sich dennoch in immer neuen Bundesschlüssen in Liebe selbst verpflichtet und festlegt.

Die Selbstfestlegung Gottes im Eid gehört zum Wesenskern des christlichen Glaubens, auch wenn das vielen nicht bewusst ist, zum einen, weil die Bedeutung des Schwörens in Vergessenheit geraten ist, zum anderen, weil die Grenzen zwischen dem Gottesbild im Christentum und in anderen Religionen immer weniger voneinander abgegrenzt werden.

Denn Schwören hat nicht die Funktion, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden, sondern eine Aussage oder Zusage für alle Zeiten unwiderruflich zu machen. Wenn niemand im Alten und Neuen Testament häufiger schwört als der Gott der Wahrheit, dann deswegen, weil Gott damit seine eigenen Aussagen unwiderruflich macht und sich selbst für die Zukunft bindet.

Der Islam etwa kennt nur einen Gott, der so absolut, souverän und unabhängig ist, dass er sich dem Menschen nie gegenüber endgültig festlegen kann und will. Selbst bei Versprechen Gottes bleibt immer der Vorbehalt, dass er es sich auch anders überlegen kann und ihn niemand daran hindern kann.

Der jüdisch-christliche Gott ist ebenso absolut, souverän und unabhängig, wie der islamische. Auch ihm könnte niemand wehren, wenn er seine Pläne ändern und seine Versprechen nicht halten würde. Nicht der Mensch oder die Schöpfung binden Gott, sondern Gott bindet sich selbst an sein eigenes Wort und schwört bei sich selbst. Gott ist eben ‚treu‘ und absolut ‚zuverlässig‘. Seine Souveränität kommt im Christentum im Gegensatz zum Islam gerade darin zum Ausdruck, dass ihn niemand daran hindern kann, seine Pläne, Versprechen und Schwüre wahr zu machen und einzuhalten.

Dass aus dieser ‚Treue‘ Gottes entstehende ‚Vertrauen‘ – also, wie wir es meist wiedergeben, der ‚Glaube‘ –, ist nicht zufällig zusammen mit der ‚Liebe‘ die häufigste und wichtigste Beschreibung des Verhältnisses zwischen Menschen und Gott.

Kein Wunder, das die Bundeszeichen (Sakramente), mit denen der Bundesbeginn (Taufe) und die ständige Bundeserneuerung (Abendmahl) des „Neuen Bundes“ (1.Kor 11,25) gefeiert werden, die äußerlichen Erkennungsmerkmale der christlichen Kirche sind.

Das führt dazu, dass Gott die Gläubigen immer wieder auffordert, ihn zu prüfen (z. B. Mal 3,10) und zu überprüfen, ob er sein Wort wirklich einhält. Gott wird zum Maßstab, an dem Gott gemessen werden darf! Wenn ein Gläubiger Gott nicht versteht, unterdrückt er das nicht, sondern diskutiert es mit Gott, ja wird von diesem dazu aufgefordert. Lange Klagen gegen Gott, ob er wirklich seine Zusagen einhält, wurden so Bestandteile des biblischen Kanons. Die Klagelieder Jeremias oder viele Klagepsalmen machen Gott in einem Maße Vorwürfe, dass Anhänger anderer Religionen nur erbleichen können. Zwar erweist sich Gott am Ende immer als vertrauenswürdig, aber nicht, weil Fragen und prüfen verboten seien, sondern weil er sich angesichts der von ihm vorgegebenen Maßstäbe tatsächlich und real als zuverlässig erweist.

Immer wieder wird die Frage gestellt, wie es in der Welt eines guten und liebenden Gottes soviel Elend und Leid geben kann. Eine typisch christliche Frage! Denn nur wenn ich davon ausgehe, dass es einen Maßstab für Gott gibt, nämlich Liebe und Güte, wird die Klage über das Leid in der Welt zum Problem. Habe ich diesen Maßstab nicht, stellt sich die Frage erst gar nicht, warum Gott nicht einfach so sein kann wie er will, einschließlich aller uns unangenehmen Folgeerscheinung. Die Ereignisse werden zum blinden Schicksal oder ‚Kismet‘ – denn warum sollte Gott, wenn er nicht der christliche ist, diese Welt in Liebe regieren?

Gott schwört!

Oft wird – wie schon gesagt – behauptet, dass Schwören nur dort nötig ist, wo man nicht die Wahrheit sagen will. Wer aber der Meinung ist, dass Schwören überflüssig ist, weil man sowieso immer die Wahrheit sagen soll, der muss zunächst einmal erklären, wieso Gott, der immer die Wahrheit sagt, im Alten Testament häufig einen Eid leistet (z. B. 1Mose 22,16; Mi 7,20; 2Mose 6,8; Hes 20,5; Ps 95,11), ebenso die Engel „bei dem, der in Ewigkeit lebt“ (Dan 12,7) schwören – und dies sich auch im Neuen Testament fortsetzt (dieselbe Formulierung in Offb 10,6).

Georg Giesen unterteilt[1] die 215 Belege für das Wort ‚schwören‘ (hebr. ‚sb‘‘) im Alten Testament in 75 Belege für „profane“ Schwüre zwischen zwei Menschen,[2] 14 Belege für „juristisch-religiöse“ Schwüre im Bereich von Gerichtsverfahren und Gelübden,[3] 41 Belege für „theologische“ Schwüre, in denen Menschen einen Bund mit Gott schwören,[4] und 82 Belege für „theologische“ Schwüre Gottes.[5] Dazu treten 3 Belege außer der Reihe. Nach Georg Giesen wird im Alten Testament also 82mal von einem Eid Gottes berichtet,[6] was 38 % aller erwähnten Eide ausmacht. Daneben treten zahlreiche Schwüre Gottes, die mit anderen Begriffen bezeichnet werden. Gott hält sich dabei selbst daran, dass man nur bei Gott schwören darf. Hebr 6,13 sagt das sehr deutlich: „Denn als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er bei sich selbst, weil er bei keinem Größeren schwören konnte …“.

Um diese Schwüre Gottes etwas aufzuschlüsseln, folgt nun eine tabellarische Aufstellung von Schüren Gottes und Gottes’ Selbstbezeichnung in ihnen.

Wem gegenüber schwört Gott?

Texte, in denen vom „Schwören“ Gottes die Rede ist:

  • Gott schwört Noah den Bestand der Erde: Jes 54,9
  • Gott schwört Abraham Segen wegen seiner Bereitschaft zur Opferung Isaaks: 1Mose 22,16
  • Gott schwört Abraham den Abrahamsbund: 1Mose: 26,3; Ps 105,8–9; Lk 1,73; Hebr 6,13
  • Gott schwört Isaak den Gnadenbund: Ps 105,9–11; 1Chr 16,16
  • Gott schwört den „Vätern“ (Erzvätern usw.) den Gnadenbund: Mi 7,20; Jer 11,5: „… damit ich meinen Schwur einhalte, den ich gegenüber den Vätern geschworen habe …“
  • Gott schwört Israel den Besitz des Landes: 2Mose 6,8; 32,13; Hes 20,5–6+27
  • Gott schwört dem ungläubigen Volk Israels zu Beginn der Wüstenwanderung, dass sie nicht in das Land kommen werden: 5Mose 1,34; 4Mose 32,10; Hebr 3,18; Hes 20,15; Ps 95,10–11 = Hebr 3,11; 4,3: „Ich schwor in meinem Zorn …“
  • Gott schwört dem „Haus Elis“, dass ihnen nicht vergeben wird: 1Sam 3,14
  • Gott schwört David, dass seine Nachkommen ewig auf dem Thron sitzen werden: Ps 89,4–5+36–37; 132,11–12; Apg 2,30
  • Gott schwört Samaria Gericht: Amos 4,2
  • Gott schwört Jerusalem Gericht: Amos 6,8: „Der Herr, HErr, hat bei sich selbst geschworen, spricht der Herr, der Gott der Heerscharen: Ich verabscheue den Stolz Jakobs und hasse seine Paläste. Und ich liefere die Stadt aus …“
  • Gott schwört Israel Gericht durch die Zerstreuung in alle Welt: Hes 20,23
  • Gott schwört Israel die Sammlung aus den Nationen: Hes 36,7
  • Gott schwört seinem Sohn das ewige Priesteramt: Ps 110,4 = Hebr 7,21+28: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks“.
  • Gott schwört allen, dass sie einst bei Gott schwören werden: Jes 45,23–24: „Ich habe bei mir selbst geschworen, aus meinem Mund ist Gerechtigkeit hervorgegangen, ein Wort, das nicht zurückkehrt: Ja, jedes Knie wird sich vor mir beugen, jede Zunge schwören und sprechen: Nur im Herrn ist Gerechtigkeit und Stärke. Zu ihm wird man kommen, und alle, die gegen ihn entbrannt gewesen sind, werden beschämt werden.“ Röm 14,11 zitiert Jes 45,23–24 mit der Einleitung: „So wahr ich lebe …“.

Texte, in denen Gott „die Hand [zum Schwur] erhebt“:

  • Gott schwört Israel, dass sie das Land Kanaan erhalten werden: 2Mose 6,8; 4Mose 14,30–31; Hes 20,5-6 (3x); 20,28; 47,14
  • Gott schwört Heiden das Gericht: Hes 36,7: „Darum, so spricht der Herr, HErr: Ich, ich habe meine Hand [zum Schwur] erhoben: Wenn nicht die Nationen, die rings um euch her sind, ihre Schmach selbst tragen!“.
  • Gott kündigt seinen Feinden Gericht an: 5Mose 32,40: „Denn ich erhebe meine Hand zum Himmel und sage: ‚So wahr ich lebe‘.“

Gott schwört bei sich selbst

  • 1Mose 22,16: „Ich schwöre bei mir selbst, spricht der HErr: Darum, weil du dies getan und mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten hast, werde ich dich reichlich segnen.“
  • Hebr 6,13: „Denn als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er bei sich selbst, weil er bei keinem Größeren schwören konnte, und sprach: Wahrlich, ich werde dich reichlich segnen, und ich werde dich sehr vermehren.“
  • Jer 44,26: „Siehe, ich habe bei meinem großen Namen geschworen, spricht der HErr …“
  • 2Mose 32,13: (über die Erzväter:) „… denen du bei dir selbst geschworen hast …“
  • Amos 6,8 „… der HErr hat bei sich selbst geschworen …“
  • Amos 4,2: „Der HErr hat bei seiner Heiligkeit geschworen …“
  • 5Mose 32,40: „Denn ich [= Gott] erhebe meine Hand zum Himmel und sage: ‚So wahr ich lebe‘.“
  • 1Sam 2,30: „Darum spricht der HErr: … fern sei es von mir …“
  • Röm 14,11: „So wahr ich lebe, spricht der HErr, mir wird sich jedes Knie beugen …“ (zitiert aus Jes 45,23 – im letzten Kasten abgedruckt)
  • „Ich habe bei mir selbst geschworen“: Jes 45,23; Jer 22,5; 49,13
  • „So wahr ich lebe“: 4Mose 14,21+28; 5Mose 32,40; Jes 49,18; Jer 22,24; 46,18; Hes 5,11; 14,16+18+20; 16,48; 17,16+19; 18,3; 20,3+31+33; 33,11+27; 34,8; 35,1+6; Zef 2,9; Röm 14,11

Bezeichnungen Gottes im Schwur (Beispiele)
Umschreibungen durch Gott selbst

  • Jes 62,8: „Der HErr hat bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm geschworen …“
  • Jer 51,14: „Der HErr hat bei seiner Seele geschworen …“ (fast gleich Am 6,8).
  • Am 4,2: „Der HErr hat bei seiner Heiligkeit geschworen …“
  • Ps 89,36: „Ich habe bei meiner Heiligkeit geschworen …“
  • Jer 44,26: „Ich schwöre bei meinem großen Namen, spricht der HErr …“
  • Am 8,7: „Der HErr hat beim Stolz Jakobs geschworen …“ (Gott selbst ist der Stolz Jakobs).

Beschreibungen des Wesens Gottes durch Menschen

  • 1Mose 31,53–54: „Der Gott Abrahams und der Gott Nahors soll zwischen uns richten, der Gott ihres Vaters! Da schwor Jakob bei dem Schrecken seines Vaters Isaak [= Gott].“
  • 1Mose 24,2–3: „Ich will dich schwören lassen bei dem HErrn, dem Gott des Himmels und dem Gott der Erde …“
  • Jer 38,16: „So wahr der HErr lebt, der uns das Leben gegeben hat …“
  • 1Kön 1,30: „bei dem HErrn, dem Gott Israels“
  • 1Kön 17,1; 18,15; 2Kön 3,14; 5,16 (alles Elia:) „bei dem HErrn, vor dem ich stehe“.

Beschreibungen des Wesens Gottes durch Engel

  • Offb 10,6; Dan 12,7: Engel schwören „bei dem, der in Ewigkeit lebt“.

[1] Vgl. Georg Giesen. Die Wurzel sb‘ „schwören“: Eine semasiologische Studie zum Eid im Alten Testament. Bonner Biblische Beiträge 56. Peter Hanstein: Königstein, 1981. S. 2.

[2] Ebd. S. 113.

[3] Ebd. S. 377.

[4] Ebd. S. 224.

[5] Ebd. S. 368.

[6] Vgl. ebd.

 

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