Überarbeitet aus Thomas Schirrmacher. „Lexikon des Christentums“ usw., S. 8–267 in: Thomas Schirrmacher, Christine Schirrmacher u. a. Harenberg Lexikon der Religionen. Düsseldorf: Harenberg Verlag, 2002.

[Vgl. dazu im nächsten Blog die chronologische Tabelle zu den Büchern des NTs und der ersten frühchristlichen Schriften]

Einführung

Das Christentum ist eine Buchreligion schlechthin, was nicht nur in der Rolle der Bibel zum Ausdruck kommt, sondern auch darin, dass die Theologie aller Konfessionen ganz wesentlich schriftlich betrieben und fixiert wird, ja, dass das Christentum überhaupt ganz wesentlich für die weltweite Verbreitung einer Buch- und Schriftkultur verantwortlich ist.

Zugleich ist das Christentum in einem gewissen Sinne gerade keine Buchreligion, wie ein Vergleich mit dem Islam deutlich macht. Im Islam empfängt der höchste Prophet Muhammad seine Ehre und Beglaubigung von der Heiligen Schrift. Im Christentum ist es umgekehrt. Der Stifter Jesus Christus ist das eigentliche Wort Gottes, dass auf das heilige Buch ausstrahlt und ihm seine Ehre gibt.

Das Wort Bibel ist sowohl im Judentum wie auch im Christentum die Hauptbezeichnung für die ‚Heilige Schrift‘, das ‚Wort Gottes‘, das ‚Buch der Bücher‘. Sie ist als schriftliche Urkunde der göttlichen Offenbarung für Glauben, Denken, Handeln und Leben grundlegend.

Die Bibel besteht aus dem Alten Testament (A.T.), der Bibel der Juden, und dem Neuen Testament (N.T.) aus dem 1. Jh. Die ersten Christen benutzten wie Jesus zunächst ausschließlich das A.T. als ihre Bibel. Die berühmten Worte von der Inspiration (Geistdurchhauchung) der Heiligen Schrift in 2Tim 3,16–17 beziehen sich ja zunächst einmal auf das A.T. Die Christen sahen allerdings die Heilige Schrift des A.T.s teilweise mit anderen Augen als die Juden. Sie betonten nämlich weniger den Gesetzescharakter als den prophetischen Charakter, weil es den Messias und seine Gnadenbotschaft ankündigte. Dennoch war für sie wichtig, dass ihre Botschaft mit dem A.T. übereinstimmte. So zitiert kein Buch des N.T.s das A.T. häufiger als der Römerbrief des Paulus, in dem er zusammenhängend das Evangelium von Jesus Christus darlegt.

Die jüdische, in hebräischer und an ganz wenigen Stellen in aramäischer Sprache verfasste, Bibel, das A.T., ist nach christlicher Zählung eine Sammlung von 39 ganz verschiedenartigen Büchern, die nach Gruppen sortiert sind, und zwar fünf Gesetzbücher Moses (die Tora); zwölf Geschichtsbücher; fünf poetische und weisheitliche Bücher; fünf große Propheten und zwölf kleine Propheten. Die Juden selbst sortieren diese Bücher etwas anders und teilen sie in 24 Bücher auf, da sie die Doppelbücher von Samuel und Könige, Esra-Nehemia und Chronik als je ein Buch und die 12 kleinen Propheten als ein Buch zählen. Die Katholische Kirche zählt im Gegensatz zu Juden und Protestanten darüber hinaus noch sieben auf Griechisch, nicht auf Hebräisch geschriebene Schriften aus der Zeit zwischen A.T. und N.T. zum A.T. hinzu, sodass sie auf 46 Bücher kommt. Sie werden von evangelischen Christen als Apokryphen (griech. apokryphes: verborgen) bezeichnet.

Neben das A.T. traten nach dem Ende von Jesu Wirken auf der Erde mehr und mehr neue Schriften der Apostel und ihrer engsten Mitarbeiter, die ebenfalls als von Gott inspiriert und als verbindlich angesehen wurden, vor allem die Berichte über das Leben Jesu und Briefe an Gemeinden und Mitarbeiter. Sie wurden schließlich mit dem A.T. zur Bibel vereinigt. Die Bildung des neutestamentlichen Kanons vollzog sich stufenweise, das heißt, dass wohl schon zu Lebzeiten der Apostel bestimmte Zusammenstellungen, etwa der Paulusbriefe, bestanden, aber sich erst allmählich herauskristallisierte, welche der Schriften auf Dauer Bestand haben sollten und welche verloren gegangen waren oder gehen sollten.

Das durchgängig auf Griechisch verfasste Neue Testament (N.T.) ist eine Sammlung von 27 ganz verschiedenartigen Schriften, die nach Gruppen sortiert sind. 5 Schriften sind historische Berichte, nämlich die vier Evangelien und die Apostelgeschichte des Lukas. 21 Schriften sind Lehr- und Mahnbriefe von Aposteln und ihren Mitarbeitern an Gemeinden und Mitarbeiter, das letzte Buch ist ein prophetisches Buch, die Offenbarung des Johannes (Apokalypse).

Schriftverständnis

Im Vergleich zu der einzigen Weltreligion, in der ebenfalls ein einziges Buch eine solch zentrale Rolle spielt, dem Islam, lässt sich am ehesten das dem Judentum und Christentum eigene Verständnis der Offenbarung Gottes in Buchform aufzeigen. Dabei lassen wir im Moment einmal bewusst die Anfrage und Kritik an der historischen Glaubwürdigkeit der Bibel außen vor und fragen zunächst nur nach dem Selbstverständnis der biblischen Autoren und nach dem Schriftverständnis der Kirchen, bevor die moderne Bibelkritik aufkam, zeigt doch dieses Selbstverständnis schon, warum die spätere Bibelkritik überhaupt im jüdischen und christlichen Bereich aufkommen konnte, während es eine vergleichbare Entwicklung im Islam nicht gibt.

1. Die Bibel ist kein Buch, sondern eine Sammlung von 66 Büchern. Deswegen hieß sie ursprünglich griech. ‚bibloi‘, also Bücher oder Sammlung von Büchern und erst im Lateinischen wurde daraus die Einzahl ‚biblia‘ (Buch). Während der Koran ein in kurzer Zeit an einen einzigen Menschen offenbartes Buch in einem Stil ist, stellt die Bibel Texte aus fast zwei Jahrtausenden in enormer Vielfalt nebeneinander. Und in der Büchersammlung gibt es wieder Sammlungen von Texten verschiedener Autoren, etwa die Psalmen oder die Sprichworte (Sprüche), die teilweise völlig unverbunden nebeneinanderstehen.

2. Die Bibel enthält die gesamte Bandbreite menschlicher literarischer Ausdrucksweisen. Während der Koran nur einen Sprachstil des Arabischen kennt, der bis heute normativ ist, kennt die Bibel nicht nur keine heilige Sprache oder einen heiligen Stil, zumal sich Ausdrucksweisen in ihr oft über die Jahrhunderte änderten, sondern enthält auch eine enorme Vielzahl an literarischen Stilen. Gesetzestexte stehen neben Liebesgesängen, historische Berichte neben Klageliedern, Sprichwortsammlungen neben Briefen, Rätsel neben Anweisungen an Mitarbeiter, apokalyptische Texte und detailliert ausgemalte Visionen neben autobiographischen Erinnerungen.

3. Die Bibel ist über einen sehr langen Zeitraum entstanden und gewachsen. Während der Koran in kürzester Zeit offenbart wurde und dabei nur ein im Himmel fertiges Exemplar verlesen wurde, ist die Bibel nicht im Himmel entstanden, sondern in Jahrhunderten, ja Jahrtausenden gewachsen. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen und hätte auch zu keiner Zeit vom Himmel fallen können. Es ist kein Wunder, dass die spätere Bibelkritik soviel Material an die Hand bekommen hat, die Vorgeschichte der biblischen Bücher zu erforschen und zu kritisieren, ist es doch die Bibel selbst, die sehr häufig von ihrer geschichtlichen Entstehung berichtet. Der Koran liefert hier dagegen kaum Ansatzpunkte.

4. Die Bibel hat die unterschiedlichsten Persönlichkeiten als Verfasser und berichtet oft von deren ganz persönlicher Geschichte mit Gott. Dass die Bibel ein Geschichtsbuch ist, wird gerade daran deutlich, dass ihre Autoren oder Handlungspersonen oft im Mittelpunkt stehen und mit der Entstehung der biblischen Bücher eng verwoben sind – auch das ist ein idealer Ansatzpunkt für die Bibelkritik. Die Lehre von der göttlichen Inspiration der Schrift wurde nie so verstanden, dass Gott seinen Stil auswechselbaren Autoren diktiert hat, sondern immer so, dass der Geist Gottes zwar darüber gewacht hat, was letztendlich für alle Zeiten überliefert wurde, aber die Persönlichkeiten der Schreiber mit Vollmacht ausstattete. Während beim Koran die Persönlichkeit des Mohammed gerade wegen der Göttlichkeit der Schrift völlig zurücktritt, steht in der Bibel der hochgebildete und mehrsprachige Paulus unverwechselbar neben dem einfachen Fischer Petrus, der historisch arbeitende Lukas (Lk 1,1–4) verfasst ein völlig anderes Evangelium als der eher vergeistigte Johannes, und die Klagelieder Jeremias hätte der erfolgreiche Prophet Daniel nie beten und schreiben können.

Die Bibel versteht unter Offenbarung zunächst immer das historische Ereignis, also den Zeitpunkt, als ein Prophet eine Vision hatte, ein Psalmist seinen Psalm dichtete oder Paulus den Römerbrief entwarf. Die spätere Aufnahme in die Heilige Schrift ist dann ein ganz eigener Vorgang. Die Bibel führt ihrem Leser vor allem vor Augen, was Menschen in Jahrhunderten in der Begegnung mit Gott erlebt haben. Kein Wunder, dass man seit dem Aufkommen der Bibelkritik die paulinische Theologie gegen die johanneische ausgespielt hat, Widersprüche zwischen den Evangelien sucht oder von einem gespannten Verhältnis zwischen A.T. und N.T. spricht. Es ist die Bibel selbst, die das überhaupt erst ermöglicht. Zwar hat die christliche Kirche immer geglaubt, dass der Heilige Geist die gesamte Bibel zu einer letztendlichen Einheit zusammengeführt hat, aber nicht in dem Sinne, dass in einer frisierten Gesamtausgabe alle Teile perfekt aufeinander abgestimmt sind, sondern in dem Sinne, dass die Bibel komplementär und in großer Vielfalt vermittelt, was der Mensch zum Leben braucht, sei es ein Klagelied, eine Auflistung von wichtigen Geboten oder eine inspirierende Vision.

5. Die Bibel dient nicht der triumphalen Beschreibung der Christen oder der Juden, sondern die Offenbarung richtet sich viel häufiger selbstkritisch gegen das glaubende Volk Gottes selbst und nennt oft die wahre Lage schonungslos beim Namen.

Zwar verkündigt das A.T. vehement den Monotheismus, offenbart aber ebenso schonungslos, wie schwer er unter den Juden durchzusetzen war und wen und was das jüdische Volk in seiner Geschichte noch alles verehrt hat. Ehebruch und Mord des David schwächen nicht die Psalmen Davids, sondern liefern den Anlass für die bedeutendsten Bußpsalmen des A.T.s und der Kirche. Die Fehler des Petrus, der Jesu Leiden für sinnlos hielt, Jesus kurz vor der Kreuzigung verleugnete und als Apostel von Paulus scharf kritisiert werden musste, weil er nicht mit den Heidenchristen essen wollte, erfahren wir nicht aus gegnerischen Schriften, sondern aus dem N.T. Das N.T. berichtet sowohl, dass die Urgemeinde sehr früh begann, ein großes Sozialprogramm aufzuziehen (Apg 6), wie auch, dass die reichen Gemeindeglieder oft Arme in der Gemeinde verhungern ließen (1Kor 11,21–22) oder den Lohn nicht pünktlich ausbezahlten (Jak 5,4). In keiner Religion kommen die Anhänger der eigenen Religion so schlecht weg, wie im A.T. und N.T. Die Lehre, dass auch Juden und Christen Sünder und zu den schlimmsten Taten fähig sind, wird in der Bibel sehr anschaulich vor Augen geführt. Es sind nicht die heidnischen Völker im A.T. und die Römer und Griechen im N.T., deren Gräueltaten und irrigen Anschauungen im Mittelpunkt stehen, sondern die des angeblichen oder tatsächlichen Volkes Gottes. Auch hier geht der Koran eher den umgekehrten Weg.

Interessant ist auch, wie oft der Zweifel an Gott thematisiert wird. Ganze Bücher sind diesem Thema gewidmet. Im Buch Hiob wird Gott nicht glatt als das Höchste und Schönste verkündigt, sondern bleibt letztlich der verborgene Gott, der sich im Leid dieser Welt offenbart. Die Klagelieder des Jeremia zeigen nicht den Propheten, der über das Böse triumphiert, sondern den angefochtenen Menschen, der durch seine Zweifel hindurch die tiefsten Erfahrungen mit Gott macht. Die Klagepsalmen sind bis heute für Judentum und Christentum prägend.

Textkritik

Die biblischen Texte liegen nicht im Original vor. Allerdings gibt es Handschriftenfunde, aus denen sich der Originaltext mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit rekonstruieren lässt. Dieser Wissenschaftszweig wird Textkritik genannt. Durch das Vergleichen der verschiedenen Handschriften, die wir von einem Text besitzen, lassen sich die Fehler, die im Abschreibeprozess entstanden sind, berichtigen. Zwei Vorgänge lassen sich beim Abschreiben von Texten beobachten: unabsichtliche Fehler (Rechtschreibfehler, d. h. ein falscher Buchstabe, ein Buchstabe wurde verdoppelt oder ausgelassen u. a.) und absichtliche Fehler (Verbesserungen vermeintlicher Fehler, Ersetzungen oder Ergänzungen).
Die ältesten Handschriften für das A.T. sind in Qumran gefunden worden. Sie sind aber immer noch zum Teil über 1000 Jahre jünger als der Originaltext. Interessant ist dabei, dass die ca. 1000 Jahre jüngeren Texte kaum von den Texten abweichen, die in Qumran gefunden wurden. So kann man beispielsweise an den Jesajarollen aus Qumran feststellen, dass der Text sehr genau überliefert wurde. Ca. 95% der Fehler sind reine Rechtschreibfehler.
Anders ist die Lage beim N.T. Das älteste Handschriftenfragment (P52) ist von etwa 125 n.Chr. und damit nahe an dem Originaltext. Möglicherweise gibt es mit dem in Qumran gefundenen Fragment 7Q5 einen noch früheren Textzeugen – ein Stück aus dem Markusevangelium. Zu den ältesten vollständigen Textausgaben des NT gehören der Codex Sinaiticus und der Codex Vaticanus, die beide aus dem 4. Jh. stammen. Angesichts der Tatsache, dass uns von fast allen antiken Texten nur Abschriften aus dem späten Mittelalter vorliegen (Plato z. B. aus dem 13. Jh.), sind die Handschriften des N.T. enorm alt.

 

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